Work

Pluralität – auf dem Weg zu einer Integrativen Medizin?

Year: 2008
Type: article
Abstract: Fur den grosen Rudolf Virchow war die Sache klar: «Pluralismus ist Verwilderung der Medizin». Die damals programmatisch verfolgte Konzeptionierung der Medizin als Naturwissenschaft fuhrte zu einer Uberzeugung, die ebenfalls in einer Virchow’schen Formulierung wiedergegeben sei: «Der Naturwissenschaftler kennt nur Korper und Eigenschaften von Korpern. Was daruber ist, nennt er Transzendenz, und die Transzendenz betrachtet er als eine Verwirrung des menschlichen Geistes». Aber auch heute noch charakterisiert sich die Medizin theoretisch wie praktisch durch einen Pluralismus, und die Auffassung, dass die Medizin eine Naturwissenschaft sei, ist – nicht nur durch grundliche epistemologische Untersuchungen – langst uber Bord geworfen worden. Die Medizin ist eine Praktische Wissenschaft [1–3], eine Problemlosekunst –, und um ihrem Auftrag gerecht zu werden, namlich dem krankheitsbedingt in eine Notsituation geratenen Mitmenschen wirksam, verantwortbar und kompetent zu helfen, braucht sie naturlich den gezielten Ruckgriff auf die Ergebnisse der (theoretischen) Wissenschaften, von der Physik bis zur Theologie, von der Biologie bis zur Soziologie, von der Psychologie bis zur Philosophie und von der Mathematik bis zur Ethologie usw. usw. Daraus leitet sich freilich noch kein valides Pladoyer fur den Nutzen eines Paradigmenpluralismus in der Medizin ab. Es besagt zunachst lediglich, dass eine vertretbare, kompetente Behandlung gegebenenfalls einer interdisziplinar-multidisziplinaren Fundierung bedarf. Von manchen Wissenschaftstheoretikern wird zudem geltend gemacht, dass die pluralistische Ausrichtung einer Disziplin ein Zeichen fur deren Unreife sei, mit anderen Worten: dass eine Paradigmenkoexistenz – wissenschaftstheoretisch – ein Zeichen von Residualitat sei. Ist das so? Und wenn ja, gilt dies auch fur die Medizin? Jedenfalls haben konstruktivistische Ansatze inzwischen deutlich gemacht, dass wissenschaftliches Erkennen ebenso wie schon unser lebenswirkliches Beobachten nicht etwa nur ein Konstatieren ist, sondern bereits eine Art Eingriff darstellt in dasjenige, was wir gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnen. Insofern namlich, als der Beobachter seine Aufmerksamkeit in eine ganz bestimmte Richtung lenkt, die von seinen Vorstellungen, von dem, was er an Begriffen und Theorien mitbringt, abhangt. Was sich so in der Lebenswelt bereits verankert findet – dass jede Beobachtung ein theoriegeleitetes Wahr-Nehmen ist – findet auf einer hoheren Reflexionsstufe seine Fortsetzung auf dem Feld des Experiments und der wissenschaftlichen Forschung. Auch hier ist es ein Theoriebzw. ein Modell-geleitetes Vorgehen – und nicht etwa ein Beobachterbzw. Standpunkt-neutrales, passives Registrieren von Gegebenem. Daraus resultiert zweierlei: Zum einen ist dasjenige, was wir sowohl im naiven als auch im erfahrungswissenschaftlichen Sinne als die Wirklichkeit bezeichnen, nicht etwas in unserer Wahrnehmung bereits Vorgegebenes, sondern etwas unserem Erkenntnisbemuhen Aufgegebenes, etwas, an dessen Zustandekommen wir selbst bewerkstelligend mitbeteiligt sind. Zum anderen fuhren unterschiedliche Denk-Ansatze und methodisch verschiedene Herangehensweisen an einen Sachverhalt keineswegs nur zu unterschiedlichen Erklarungen, nicht nur zu unterschiedlichen Interpretationsfiguren eines vom Erkenntnissubjekt unabhangigen Sachverhalts; vielmehr verhalt sich ein und dieselbe Sache unterschiedlich, je nachdem, welchen Standpunkt das Erkenntnissubjekt ihr gegenuber einnimmt. Auch sogenannte «objektive Daten und Tatsachen» erweisen sich damit stets als Tat-Sachen in dem Sinne, dass sie das Ergebnis eines intentionalen Verhaltnisses zwischen Subjekt und Objekt des Erkenntnisprozesses darstellen [4, 5]. «Die Abhangigkeit der wissenschaftlichen Tatsache vom Denkstil ist evident» [6]. Sieht man einmal von den hinlanglich bekannten sozio-dynamischen Phanomenen des Anpassungsund Opportunitatsdrucks ab, denen sich Wissenschaftler innerhalb ihrer «Scientific Comunity» ausgesetzt finden, so ist es den Arzten und Forschern durchaus nicht zwingend vorgegeben, in welches Verhaltnis sie sich zum Forschungsgegenstand stellen, d.h. unter welchen Gesichtspunkten, mithilfe welcher Anschauungsweisen sie ihn «fur wahr» nehmen. Wir werden Unterschiedliches gewahr, ein Gegenstand erscheint in einem unterschiedlichen Licht, je nachdem, von welchem Standpunkt aus und mit welchen Erkenntnismitteln wir ihm begegnen. Es konnte trivial erscheinen und als Binsenwahrheit abgetan werden, aber eine thematische Berucksichtigung im etablierten Wissenschaftsbetrieb findet sich dafur nur
Language: German
Field: Medicine
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W2089031971
FWCI: 0.628
Cites: 3
Cited by: 7
Related to: 10