Year: 2009
Type: article
Abstract: Die Sprachen der Kiranti-Gruppen in Ostnepal gelten zum großen Teil als stark vom Aussterben bedroht. 1 Dies liegt zum einen daran, dass es sich um relative "kleine" Sprachen handelt: die über 30 Kiranti-Sprachen (die meisten davon Rai, dazu Limbu und Sunuwar) haben oft nur wenige Tausend Sprecher.Zum anderen ist die akute Bedrohung in der zunehmenden Dominanz der Nationalsprache Nepali begründet, die lange Zeit in den öffentlichen Medien und Schulen keine Minderheitssprachen neben sich duldete.Zwar ist das Phänomen des Sprachentodes komplex, und es wurde oft darauf hingewiesen, dass viele unterschiedliche Faktoren den Grad der Bedrohung ausmachen (s.Crystal 2000).Doch was immer die Zukunft bringen mag, es ist heute deutlich, dass die Angehörigen dieser Gruppen selbst die Gefährdung ihrer Sprachkultur immer bewusster wahrnehmen und dagegen kämpfen.Dabei spielt die orale Tradition eine wichtige Rolle: sie ist der Inbegriff einer eigenen Sprachtradition und eng verknüpft mit der religiösen Praxis.Das Bewusstsein der ethnischen Zugehörigkeit kommt darin in seiner Vielschichtigkeit am deutlichsten zum Ausdruck (s.Gaenszle 2000, 2002a). 2 Angesichts der weltweit zunehmenden Problematik des Sprachentodes sind seit den 1990er Jahren eine Reihe von wissenschaftlichen Programmen zur Dokumentation solcher Sprachen eingerichtet worden.Die meisten davon konzentrieren sich auf die linguistische Beschreibung, d.h.Grammatik und Lexikon.Da sich jedoch immer wieder gezeigt hat, dass die umfassende Dokumentation einer Sprache auch die Vielfalt der oralen Genres berücksichtigen muss, haben einige Programme auch eine ethnologische Komponente.Ein solches Programm ist das von der Volkswagenstiftung geförderte DOBES ("Dokumentation Bedrohter Sprachen").Dieses wurde im Jahr 2000 begründet und umfasst inzwischen (2008) mehr als vierzig Projekte weltweit.Dabei ist es ein explizites Ziel, dass die linguistische und ethnographische Dokumentation nicht nur wissenschaftlichen Zwecken dient, sondern auch die Möglichkeit gibt, den Sprachgemeinschaften zu helfen, ihre Sprachen zu erhalten und gegebenenfalls zu revitalisieren (z.B. durch Erstellung von Lehrmaterial).Das Ziel aller DOBES-Projekte ist die Erstellung eines digitalen Archives, welches am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen angesiedelt ist.Dort werden alle Aufzeichnungen (Video, Audio, Foto etc.) gespeichert und können nach Abschluss der Arbeiten für wissenschaftliche Zwecke zugänglich gemacht werden.Vor allem aber soll das Archiv für die Mitglieder der betroffenen Gemeinschaften nutzbar sein.Eines der im Rahmen von DOBES geförderten Projekte ist das "Chintang and Puma Documentation Project" (CPDP), an dem ich seit dem Beginn 2004 als Verantwortlicher für den ethnologischen Teil mitarbeite (s.Gaenszle et al. 2005).Das Projekt basiert auf einer Kooperation der Universität Leipzig1 Der vorliegende Text wurde am 25.11.2008 an der ÖAW präsentiert.Es handelt sich dabei um eine teilweise abgewandelte Version eines Aufsatzes, der demnächst in englischer Sprache erscheinen wird: "Scripturalisation of Ritual", in: Brosius, Christiane und Karin Polit (Hg.), Ritual, Heritage and Identity: The Politics of Culture and Performance in a Globalised World.New Delhi: Routledge South Asia.Ich danke den Herausgeberinnen für ihr Einverständnis mit dieser online-Publikation. 2 Siehe auch Hardman 2000, eine Monographie über die Lohorung Rai, die sich insbesondere mit dem Begriff der Person befasst.
DOI: 10.1553/wpsa5s1
Author: Martin Gaenszle
Language: German
Subfield: Linguistics and Language
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W2284813570
