Die Entgrenzung industrieller Beziehungen: Vielfalt und Öffnung als neues Potential für Interessenvertretung?
Year: 2005
Type: article
Abstract: Zusammenfassung: Entgrenzungs-und Erosionsprozesse bringen zugleich neue Grenzziehungen und neuartige institutionelle Strukturierungen mit sich.Im vorliegenden Beitrag wird widersprüchlichen Effekten der Entgrenzung und Institutionalisierung im deutschen System industrieller Beziehungen nachgegangen.Hierzu werden Erscheinungsformen der Auflösung und der Emergenz von Grenzziehungen in den Grundlagen und Strukturen inner-und überbetrieblicher Interessenvertretung der Arbeitnehmer einander gegenübergestellt, um Anhaltspunkte zur Beantwortung folgender Fragen zu gewinnen: Inwieweit wird das System industrieller Beziehungen durch Entgrenzungsprozesse lediglich zwischen traditionellen und stabilen, wenn auch tendenziell an Bedeutung verlierenden Formen einerseits und neuartigen, institutionell unterschiedlichen Mustern der Interessenvertretung andererseits weiter aufgefächert?Treibt diese Aufweichung der tradierten Strukturen die industriellen Beziehungen zu einer intransparenten Vielfalt mit erheblichen Wirksamkeitsverlusten oder bilden sich neuartige, stabilisierende Elemente heraus, die sich als (Re-)Vitalisierung der Interessenvertretung von Arbeitnehmern auswirken können?Einleitung Entgrenzung hat Konjunktur.Überall werden Prozesse der Entgrenzung beobachtet, in allen Gesellschaftsbereichen erodieren bisher selbstverständliche Orientierungsmuster und Regelwerke, verlieren traditionelle Strukturen und Institutionen ihre dominante Bedeutung, verschwimmen formale Konturen und Bezüge zu informellen und individuellen Beziehungsgeflechten. Der Begriff »Entgrenzung« macht nicht nur als (sozial-) wissenschaftliche Kategorie 1 Karriere, sondern dient auch in wirtschaftspraktischen Trendzeitschriften und in der öffentlichen Diskussion als feuilletonistische Metapher für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungstendenzen (wie z.B. die »Entgrenzung des Büros« in Mensch und Büro 2001; die »Entgrenzung des Familienbegriffs« bei Sperber 2002).Entgrenzung steht dabei für verschiedenste Auflösungsphänomene innerhalb tradierter Gesellschafts-, Wirtschafts-und Arbeitsstrukturen, die zum Teil als verkrustet und überholt, zum Teil aber auch als gesellschaftspolitisch notwendig eingeschätzt werden.Die Konsequenzen dieser Erosionsprozesse werden daher nicht selten einerseits als Errungenschaften einer fortschrittlicheren Moderne, andererseits zugleich als Verluste wertvoller Grundpfeiler des gesellschaftlichen Zusammenhalts eingestuft.Der inflationäre Gebrauch des Entgrenzungsbegriffs verwischt jedoch immer mehr das, worum es im Kern geht.Vor allem lenkt er davon ab, dass jeglichen Auflösungsprozessen selbst Grenzen gezogen sind (Minssen 2000; Boes u.a.2001; Wolf/Mayer-Ahuja 2002) und dass sie wiederum neue Grenzziehungen und Strukturierungen mit sich bringen, mit denen sich neuartige strukturelle Muster oder institutionelle Formen von gesellschaftlichen Beziehungsgeflechten herauskristallisieren. 1) Eine Auswahl: »Entgrenzung von Organisationen« (Funder 2000), »Entgrenzung von Arbeit« (Kratzer 2003) bzw.»Entgrenzung von Kapital und Arbeit« (Döhl u.a.2001), »entgrenzte Produktion« (Schmierl 2000), »Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft« (Voß 1998), »Entgrenzung der Arbeit und der Arbeitszeit« (Wagner 2001) bzw.»entgrenzte Arbeitszeit« (Jurczyk/Voß 2000), »Entgrenzung von Arbeit und Leben« (Hielscher 2000), »Entgrenzung von Natur und Gesellschaft« (Lau u.a.2002), »Entgrenzung des Lernens« (Böhle u.a.2002, S. 110) und eben auch: »Entgrenzung betrieblicher Interessenvertretungen« (Brandl/Lawatsch 1999, S. 33).
Source: Soziale Welt
Authors: Manfred Deiß, Klaus Schmierl
Language: German
Topic: Labor Movements and Unions
Subfield: Public Administration
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W2400613673
