Year: 2016
Type: article
Abstract: Ich habe das Glück, zu einer weltweiten Generation von Historikern zu gehören, die zwischen den dreißiger Jahren und der historiografischen Wende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Geschichtsschreibung gänzlich revolutionierten, und zwar hauptsächlich durch neue Verbindungen zwischen der Geschichte und den Gesellschaftswissenschaften.Es handelte sich nicht einfach um eine einzige ideologische Schule.Es handelte sich um den Kampf der historischen Moderne gegen die alte konventionelle Ranke'sche Historiographie, ob unter der Flagge der Wirtschaftsgeschichte, der französischen Soziologie und der Geografie wie bei den Annales, des Marxismus oder Max Webers. 1 So fasste Eric J. Hobsbawm seine Laufbahn rückblickend zusammen.Gerhard A. Ritter hätte das nicht von sich gesagt.Man mag die Sätze auch als Selbsteinordnung Hobsbawms hinterfragen.Fand wirklich eine Revolutionierung der Geschichtswissenschaft, gar eine gänzliche statt?Und dies zwischen den 1930er Jahren -dem ersten Jahrzehnt der Annales -und den 1970er Jahren, als die Trente Glorieuses endeten, die Kulturgeschichte der Sozialgeschichte den Rang abzulaufen begann, die Historiker sich jedenfalls von den mittlerweile klassischen Sozialwissenschaften -der Ökonomie, der Soziologie und den Politikwissenschaften -wieder abzuwenden begannen, und die Skepsis gegenüber der Analyse mit großen Begriffen wieder zunahm?Trifft diese Datierung überhaupt auf Deutschland zu? Diesen Zweifeln soll an dieser Stelle nicht nachgegangen werden.Aufs Ganze gesehen, spricht manches für Hobsbawms Aussage.Es ist überdies offenkundig, dass Ritters erste Wirkungsphase mit der zweiten Hälfte des von Hobsbawm benannten Zeitraums in eins fiel.Vor allem aber wähle ich das Zitat als Ausgangspunkt, weil Gerhard A. Ritter ein bedeutender Neuerer war, der zu * Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf dem Symposium zum Gedenken an Gerhard A .Ritter (1929 -2015), das die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands am 6. und 7
Source: Geschichte und Gesellschaft
Author: Jürgen Kocka
Institution: WZB Berlin Social Science Center
Language: German
Subfield: History
Field: Arts and Humanities
Domain: Social Sciences
Open Access status: green
OpenAlex ID: W2559784121
