Spurenlesen in den Bergen. Die Natur als Palimpsest des Krieges in Mario Rigoni Sterns Erzählwerk
Year: 2016
Type: article
Abstract: Die Natur als Palimpsest des Krieges in Mario Rigoni Sterns Erzählwerk Ich bin kein Historiker, der in alten Handschriften oder in Archivdoku menten forscht.Ich begnüge mich damit, ein Erzähler zu sein, der ei nige Spuren befolgt, die ihm seine heimatliche Gegend bietet. 1 Das Werk des italienischen, aus Asiago (im Nord westen der Region Venetien, Provinz von Vicen za) stammenden Schriftstellers Mario Rigoni Stern (1921-2008) setzt sich bekanntlich aus zwei Hauptkomplexen zusammen, die sich eher thematisch als formal bestimmen lassen: Einer seits gibt es die Naturgeschichten, deren Titel meistens auf die Flora, die Fauna, die Jahreszeiten oder auf persönliche Erlebnisse mit der Natur verweisen, andererseits die Kriegsgeschichten, die entweder individuelle Erlebnisse des Verfas sers oder auch, von exemplarischen Schicksalen ausgehend, kollektive Erlebnisse seiner norditali 1 Rigoni Stern: Segni lontani, S. 83: »Non sono uno storico che ricerca nei manoscritti antichi o nei documenti degli archivi; mi accontento di essere un narratore che segue qualche traccia della sua terra.«Da der vorliegende Beitrag ausschließlich auf Erzählungen Rigoni Sterns Bezug nimmt, wird in den Quellenangaben der Name des Autors von nun an systematisch ausgespart.Die Übersetzungen der Zitate stammen vom Verfasser des Beitrags.Zu den Grundkonstanten von Mario Rigoni Sterns Erzählungen zum Ersten Weltkrieg gehört die Dialektik von Natur und Geschichte.Meistens bildet die Natur ihrer Erhabenheit wegen einen radikalen Gegenpol zum Handeln der Menschen.Zuweilen kommt es aber zu einer Kontamination der bisher unberührten Landschaften durch die Gewalt des Krieges.In einigen ›racconti di guerra‹ wird die Natur zu einem regelrechten Palimpsest.Der Erzähler unternimmt es dann, die in den Landschaften hinterlassenen historischen Spuren zu entziffern, um das Kriegsgeschehen und das Leben einfacher Soldaten zu rekonstruieren.Natur, Krieg, Geschichte und Gedächtnis werden subtil miteinander in Verbindung gebracht.
Source: Zagreber Germanistische Beiträge
DOI: 10.17234/zgb.25.11
Author: Stéphane Pesnel
Institutions: Sorbonne Université, Paris-Sorbonne University
Language: German
Subfield: General Arts and Humanities
Field: Arts and Humanities
Domain: Social Sciences
Open Access status: diamond
OpenAlex ID: W2586820329
