Year: 1991
Type: article
Abstract: Maßstäbe einer Verfassung auch für Frauen -eine andere Freiheit, Gleichheit, Würde Wer hätte vor fast genau einem Jahr, als wir uns am gleichen Ort an die Rolle und die Erfahrungen von Frauen in der Französischen Revolution erinnerten, 1 geahnt, daß wir so bald ähnliche Erfahrungen machen bzw.so unmittelbar Zeuginnen einer gleichen Geschichte werden würden: Wenn es darum geht, die Tyrannen zu stürzen -in der revolutionären Bewegung, die zum >Volk< wird -sind die Frauen dabei und zwar in der vordersten Reihe und in großer Zahl.Doch beim Einsammeln der Früchte der Revolution, bei der politischen Gestaltung und Entscheidung über die so veränderten Verhältnisse, führen Männer das Wort, machen ihr großes Geschäft, heften sich die Verdienste anderer -in diesem Fall der Bürge-rInnenbewegung in der DDR -an ihre viel zu breiten, patriarchalen Schultern.Wieder einmal haben uns Männer vorgeführt, wie sie beanspruchen, allein die Geschichte zu machen.Die Lasten und Kosten auch dieser Umwälzung aber tragen die Frauen: Die Frauen in der DDR, indem sie als erste ihre Arbeitsplätze, ihr Recht auf Erwerb, ihr Recht auf Bildung und Ausbildung trotz und neben ihren Familienpflichten, aber auch die unzureichenden Kompensationen für die doppelte Aufgabe, insbesondere die Vorkehrungen für die Kinderbetreuung verlieren.Und die Frauen in der (alten) BRD bleiben wie eh und je aufgerufen, ihre angeblichen Sonderinteressen zurückzustellen, z.B. unsere dezidiert ausgearbeitete Kritik an den unsozialen Folgen einer »sozialen Marktwirtschaft« -»kostenneutral« -dem höheren Ziel der Einheit des >Vaterlandes< zu opfern.Doch »wir Frauen haben kein Vaterland« -so schon eine politische Schrift aus der Frauenbewegung am Beginn des Jahrhunderts.2 An seinem Ende fügen wir hinzu: Wir wollen kein Vaterland!Keinen Nationalismus, kein starkes, mächtiges Deutschland, dessen Großmannssucht seinen Nachbarn Angst macht.Davon haben wir genug!Und wir sind nicht »das Volk«, das zu diesem Ende einer weltbewegenden und dennoch friedlichen Revolution in Deutschland die Begleitmusik spielt.Aber wer sind wir, was wollen wir, in welchen Begriffen, mit welchen Mitteln können wir unseren Forderungen, unserem >Traum von Menschenglück< Ausdruck verleihen?Nachdem der erste Jubel über neue Freiheiten und Freizügigkeiten verraucht war, schienen wir anfangs wie gelähmt, sprachlos geworden.Die erneute Erfahrung des Ausschlusses von Frauen, der Ausschaltung der Frauen in der DDR, die Femmistiscbe Studien exJrV^l
Source: Feministische Studien
DOI: 10.1515/fs-1991-s104
Author: Ute Gerhard
Language: German
Subfield: Sociology and Political Science
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W2594986977
