Weiblichkeit als Kritik. Über die Konzeption des Gegensatzes der Geschlechter bei Georg Simmel
Year: 1985
Type: article
Abstract: Simmel 1. Die Ambivalenz des Anderen "Was ist eine Frau?" -Mit dieser lapidaren Frage leitet Simone de Beauvoir ihre große Untersuchung über die Formen und Konstitutionsbedingungen des Weiblichen ein, und sie stellt fest: Weiblichkeit ist nicht an sich zu definieren, sie ist in der Geschichte stets bestimmt gewesen durch die männliche patriarchale Projektion und erfährt sich auch selbst nur in diesem Bezugsrahmen.Die Frau -das ist das Andere Geschlecht.' Dieser Status, für de Beauvoir der Inbegriff der Unfreiheit, geht bis auf die Frühgeschichte der Menschheit zurück und wird von Männern wie Frauen, die in unwürdiger Weise davon profitieren, beständig neu reproduziert.Radikal egalitäre Forderungen sind für de Beauvoir die Konsequenz ihrer Analyse.Durch völlige Gleichstellung der Geschlechter soll die Frau in die Lage versetzt werden, alle Bestimmungen von Weiblichkeit, die ritualisierten Formen ihrer Abhängigkeit, abzustreifen.Seltsam antiquiert, befremdend in ihrer eindeutigen Zuordnung, aber auch erfrischend in ihrer Radikalität wirkt de Beauvoirs Analyse heute.Die autonome Frauenbewegung hat ein verändertes Verhältnis zur Weiblichkeit entwickelt.Sie entdeckte in ihr widerständige und utopische Qualitäten, die nicht der Angleichung an die herrschende, männlich definierte Ordnung geopfert werden sollten, sondern vielmehr über diese hinausreichen, in nuce schon die Prinzipien einer menschlicheren Vergesellschaftung enthalten.Egalitäre Forderungen wurden zwar beibehalten, aber isoliert neben, oder sogar in Widerspruch zu jenem Insistieren auf dem Anders-Sein der Frauen, das nun nicht mehr das Signum der Defizienz, sondern der möglichen Befreiung trägt.Dieser Konflikt zwischen umfassender Gleichheitsforderung und spezifisch weiblicher Orientierung ist so alt wie die Frauenbewegung selbst.Er war wesentlicher Streitpunkt in der Fraktionierung zwischen ihrem "radikalen" und "gemäßigten" Flügel um 1900, aber nicht immer wurde er zu solcher Brisanz zugespitzt.Auch die politische Valenz der beiden Positionen ist wechselhaft.War es zu Beginn des Jahrhunderts der radikale Flügel der Bewegung, der Gleichheit und Gleichstellung der Frauen zum vordringlichen Ziel erhob, so verstand die neue Frauenbewegung gerade die Entwicklung eines "Frauenstandpunktes" als wesentliches Moment ihrer Radikalisierung.So erscheint der politisch-soziale Inhalt der beiden Positionen als veränderlich, wechselnd mit der historischen Problemlage, dem Erfahrungshintergrund und auch der individuellen Haltung der Frauen, die sie vertreten.
Source: Feministische Studien
DOI: 10.1515/fs-1985-0207
Author: Annemarie Wolfer-Melior
Language: German
Topic: Gender and Feminist Studies
Subfield: Gender Studies
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W2595253363
