Imperialismus und Modernisierungstheorie als Analyseschemata gesellschaftlicher Entwicklung und Unterentwicklung. Eine Kritik der Leistungsfähigkeit zweier konkurrierender Konzepte
Year: 1976
Type: article
Abstract: Versucht man, die Vielfalt vorliegender Konzepte zur Analyse von Unterentwick lung mit dem Ziel zu reduzieren, ihre divergierenden theoretischen Positionen zu fassen, so lassen sich in der sozialwissenschaftlich orientierten Entwicklungsländer forschung zwei klassische, grundlegend unterschiedliche, Erklärungsmuster aufzei gen: Zum einen die aus der angelsächsischen Sozialwissenschaft stammende und häufig auf die Arbeiten Max Webers aufbauende Modernisierungstheorie1, ver standen als besonderer Aspekt des allgemeinen Problems sozialen Wandels2, sowie andererseits die wesentlich auf den Arbeiten von Hobson, Cunow, Luxem burg, Bauer, Bucharin, Hilferding und Kautsky basierende3 und von Lenin resü mierte Imperialismustheorie, formuliert als Konkretisierung marxistischer Gesell schaftstheorie auf einer bestimmten Stufe kapitalistischer Entwicklung4• Beiden Ansätzen ist gemein, daß sie ihrem Anspruch gemäß makrosoziologische Theorien darstellen wollen und deswegen Gesamtgesellschaften zum Gegenstand ihrer Analyse machen.Die Imperialismustheorie ist darüber hinaus sogar eine Theo rie internationaler Beziehungen, weil sie versucht, durch die Erforschung bestimm ter Entwicklungsgesetzmäßigkeiten innerhalb einiger hinsichtlich ihrer Produk tionsweise homogener Gesellschaften globale Prozesse zu erklären.Bei der Moderni sierungstheorie ist dieser Aspekt ebenfalls deutlich, wenn auch nur schwach ausgeprägt.Doch geht es bei ihrem Erkenntnisinteresse " letztlich um Gesetzmäßigkeiten bei der Ablösung einer gl 0 bai e n (Hervorh.v. Verf.)Ge seilschaftsstruktur durch eine wesentlich andere .. Y' , eine Tatbestand, der sich beispielsweise in den im Bereich der Kulturanthropologie verbreiteten Dif fusionstheorien manifestiert.Die Konzepte unterscheiden sich jedoch erheblich durch das in ihnen angelegte Vorverständnis gesellschaftlicher Prozesse und dem entsprechend auch durch die jeweils erfaßten analytischen Problembereiche so wie die postulierte theoretische Tragweite, das heißt die Bewertung der Aussage kraft ihrer Resultate.Die marxistische Entwicklungstheorie impliziert eine defini tive Geschichtsphilosophie, die in Anspruch nimmt, die eigentlichen Triebkräfte historischer Prozesse erkennen zu können, eine teleologische Sichtweise einschließt und meint, den Ablauf von Geschichte -wenn auch nicht alle ihre Umwege -1 Der Begriff " Theorie" wird hier und im folgenden nicht im strengen erfahrungswissenschaftlichen Sinne verwendet, sondern eher zur Bezeichnung von komplexen Aussagen, die auf Modellen, Metatheo rien, komparativen Analysen und Theorien beruhen können. 2 VgJ.:
Source: Verfassung in Recht und Übersee
Author: Kurt-Peter Schütt
Language: German
Subfield: Sociology and Political Science
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: hybrid
OpenAlex ID: W2736028666
