Year: 2014
Type: article
Abstract: Als interkulturelle Dinge könnte man -von uns aus betrachtet -Objekte bezeichnen, die uns (in welcher Weise und in welcher Intensität auch immer) eine interkulturelle Begegnung ermöglichen, weil sie von einer anderen Kultur in die unsere gewandert sind.Denn zweifellos läuft unser Kontakt zu anderen Kulturen nur zu einem geringen Teil über persönliche Begegnungen mit ihren sogenannten Vertretern ab, in weitaus größerem Maße hingegen über Medien und Artefakte.Während die Medien uns etwas über die fremde Kultur in Form von Erzählungen, Bildern oder Tönen vermitteln, haben wir in den Artefakten einen stummen oder beredten Bestandteil dieser Kultur selbst vor uns.Fremde Kulturen begegnen uns in afrikanischen Masken wie in indischen Musikinstrumenten, in chinesischen Schriftrollen wie in mexikanischen Halsketten.Wenn solche Dinge als Prestigeobjekte dienen oder als Souvenirs, so nehmen sie einen anderen Platz ein als in der Kultur, aus der sie stammen (wenn sie nicht ohnehin für den Export produziert sind).Letztlich kulminiert der Umgang unserer Kultur mit diesen Dingen in deren Einverleibung in eine Sammlung, in ihrer Musealisierung.Im Museum werden die Dinge stillgestellt.Ganz gleich, ob sie zuvor Gegenstände des Gebrauchs oder sakrale Objekte waren: Nun werden sie, eingewickelt und auseinandergelegt in Diskursen, zu repräsentativen Objekten, die uns die Lebensweise einer fremden Kultur veranschaulichen -bis hin zu einer integrativ ausgerichteten »Musealisierung der Migration« (Baur 2009).Aber diese repräsentative Zeichenhaftigkeit hat ihre Kehrseite darin, dass die Dinge für uns (anders als die Medien) an sich selbst fremd werden können: Sie ziehen sich zurück in eine fundamentale Opazität.Diese Kehrseite haben diejenigen betont, die sich des Dings als einer Sache des Denkens angenommen haben.Martin Heidegger formuliert, dass »die Dinge überhaupt noch nie als Dinge dem Denken zu erscheinen vermochten« (Heidegger 1959, 169); Jacques Lacan erklärt: »Was da ist in das Ding, das ist das wirkliche Geheimnis.«(Lacan 1996, 59) Die so angedachten Dinge sind mehr als nur »entrückte Dinge« (Kohl 2007).Dies ist es, was die1. DAS GOLDENE VLIESS 1821 wurden die ersten beiden Teile von Franz Grillparzers Trilogie Das goldene Vließ aufgeführt: das einaktige Vorspiel Der Gastfreund und Die Argonauten.Das Vorspiel erzählt davon, wie der Grieche Phryxus mit einem Schiff als Flüchtling im fernen Kolchis landet und dort, nachdem er das Gastrecht für sich in Anspruch genommen hat, auf Befehl des Kolcherkönigs Aietes mitsamt seinen Leuten getötet wird.Denn Aietes sieht in dem Fremden von vornherein einen möglichen Aggressor und eine willkommene Beute.Lediglich aus Kalkül lässt er ihn im Glauben, er habe ihm Gastfreundschaft gewährt.Umgekehrt nennt Phryxus seine Forderung »Nimm auf mich und die Meinen in dein Land« zwar ein »bittend Flehn«, fügt aber sogleich hinzu: »Wo nicht so fass ich selber Sitz und Stätte / Vertrauend auf der Götter Beistand.«Damit gebärdet er sich als überlegener Kolonisator in einem gleichsam von Eingeborenen bewohnten Land, das vor ihm »noch kein griech'scher Fuß betrat« (Grillparzer 1821, 220; entsprechend verrät sein Verhalten gegenüber Medea, der Tochter des Aietes, sogleich seine genealogischen Ambitionen).Es ist das titelgebende Ding, das Phryxus zu diesem Auftreten befl ügelt.Gleich bei seiner Ankunft auf der Bühne erweist er dem Standbild des Kolchergottes Peronto seine Verehrung und pfl anzt das Vlies als »Weihgeschenk« (ebd., 217) vor aller Augen auf.Wenig später erklärt er ausführlich, wie er in den Besitz dieses ›Unterpfandes‹ gekommen ist.Auf der Flucht vor seinem königlichen Vater hat es ihn nach Delphi verschlagen, wo ihm in einer Traumvision ein Gott erschienen ist, der ihm mit den Worten »Nimm Sieg und Rache hin« (ebd., 219) ein goldenes Widderfell umgelegt hat.Als ihm eben jenes Vlies beim Erwachen als Schmuck einer Götterstatue ins Auge fällt, auf deren Sockel der Name »Kolchis« eingraviert ist, nimmt er es an sich, entkommt aus dem Heiligtum auf ein Schiff und fährt, vom Vlies beschirmt, übers Meer in eben dieses fremde Land.
Author: Michael Niehaus
Language: German
Subfield: Archeology (arts and humanities)
Field: Arts and Humanities
Domain: Social Sciences
Open Access status: hybrid
OpenAlex ID: W4237767958
