Year: 2023
Type: article
Abstract: Die Bahnfahrt von Paris nach Wien, die Gustav Mahler Anfang 1911 im Anschluss an die atlantische Passage von New York her angetreten hat, bildete das Schlussstück seiner letzten großen Reise und, mehr als 60 Jahre nach dem Geschehen selbst, die Rahmenhandlung von Ken Russells Kinofilm MAHLER (UK 1974) Der Überfahrt, bei der auch Ferruccio Busoni und Stefan Zweig an Bord des Schiffes waren, war wiederum das letzte von Mahler in New York dirigierte Konzert vorausgegangen, dessen Reprise er aus Krankheitsgründen schon nicht mehr selbst hat dirigieren können.Auf dem Programm stand unter anderem eine Novität für das New Yorker Publikum, nämlich die 1906 mit Widmung an Karl Muck im Druck erschienene Turandot-Orchestersuite, deren Musik Busoni im selben Jahr 1911 auch für eine Max Reinhardt-Inszenierung des Theaterstückes von Carlo Gozzi am Deutschen Theater in Berlin verwendet hat.Sechs Jahre danach mitten im ersten Weltkrieg (in dem er seinen Berliner Wohnsitz gegen einen in Zürich eintauschte), hatte Busoni Gelegenheit, seinem Einakter Arlecchino am Zürcher Opernhaus zur Premiere zu verhelfen, benötigte aber zur Komplettierung des Opernabends im Mai 1917 noch ein zweites Stück und komponierte dafür auf ein eigenes, deutsch abgefasstes Libretto (nach Gozzi) in sehr kurzer Zeit, aber durchaus auch unter Rückgriff auf die Orchestersuite die zweiaktige Turandot.Deren Partitur ist Arturo Toscanini gewidmet, der sie aber offenbar nie dirigiert, wohl aber 1926 eine andere Turandot nach Gozzi an der Mailänder Scala herausgebracht hat, über deren Vollendung ihr Komponist Giacomo Puccini 1924 verstorben war -wenige Monate nach Busoni.Wir alle haben einmal die Geschichte gehört, dass die von Franco Alfano komplettierte Partitur der puccinischen Turandot erst bei der Reprise zu Gehör kam und Toscanini bei der Premiere die Aufführung an der Stelle, bis zu der Puccini selbst komponierte, abgebrochen hat und sich mit der Nachricht, dass hier der Meister gestorben sei, an das Publikum gewendet hat.Opern, die die Autoren nicht mehr haben fertig stellen können -wie kurz hintereinander Busonis Doktor Faust, Puccinis Turandot und Bergs Lulu -sind für das Publikum stets eine Quelle besonderer Aufmerksamkeit, für Musiker und Editoren eine Quelle gesteigerter Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung, 7, 2011: Musik bei Ken Russell // 66 Geschäftigkeit und für die Produzenten von Aufführungen oft mit einigem Risiko und Verdruss verbunden, von den nimmermüden Besinnungen der Kritiker ganz abgesehen.Das kann Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte anhalten und ist damit ein nicht zu unterschätzender Marktfaktor.Puccinis Turandot war zunächst alles andere als ein Erfolgsstück.Erst langsam begann die Oper zu jenen Leuchttürmen aus seiner Feder aufzusteigen, die sich durchs 20.Jahrhundert hindurch größter Nachfrage erfreuen durften.Einen nicht geringen Anteil daran hatte ein halbes Jahrhundert danach Luciano Pavarotti (1935 -2007), der ein halbes Jahrhundert post festum eine Arie daraus -Nessun dorma -zu einem seiner Leiblieder erklärte und mit ihm allergrößte Verbreitung gefunden und damit Werbung für die Oper erzielt hat.Er war es auch, der dann im Juni 1990 im Rahmen der nach Italien vergebenen Fußballweltmeisterschaft in Rom eine auf drei Tenöre verteilte Version der Arie aufgelegt hat und zusammen mit den anderen beiden der so genannten "drei Tenöre", Placido Domingo und José Carreras, die Arie auch jenseits des großen Zirkels der Opernfans endgültig zum weltweiten Hit sondergleichen gemacht hat.Man sagt, dass die von dieser Veranstaltung abgesetzten 12 Millionen Tonträger im Klassiksektor der größte Verkaufserfolg gewesen seien, bevor der CD-Markt im Laufe des folgenden Jahrzehnts zusammengebrochen ist.Und noch einmal hat Pavarotti die Arie vor großer Öffentlichkeit gesungen, und zwar im Februar 2006 in Turin.Die Stimme war schon sehr eingeschränkt, aber zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele ließ er es sich nicht nehmen, Nessun dorma beizutragen.Es klang wie ein Abschied, und es wurde -geplant oder ungewollt -sein letzter Auftritt.
Author: Albrecht Riethmüller
Language: German
Subfield: Music
Field: Arts and Humanities
Domain: Social Sciences
Open Access status: hybrid
OpenAlex ID: W4385951773
