Dekolonialisierung und Diversifizierung des Wissens von der Antike: Zur Debatte um ‹Antike und Identität› in den Altertumswissenschaften
Year: 2023
Type: article
Abstract: Seit Ende 2020 erfolgt im deutschsprachigen Feuilleton (insbesondere in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) eine oftmals polemische Berichterstattung über die (vor allem in den Vereinigten Staaten geführte) Debatte um das Projekt einer Dekolonialisierung der Altertumswissenschaften. Unter diesem Stichwort werden verschiedene Maßnahmen und Forderungen zusammengefasst, u. a. die Berücksichtigung benachteiligter und diskriminierter Gruppen (im Publikationssystem und bei Stellen), allgemein Maßnahmen ausgleichender Bevorzugung (‹Quoten›), die Umbenennung und Veränderung von Disziplin-und Departmentstrukturen, aber auch Fragen der Methodik, des Kanons oder der akademischen Curricula.Die deutschsprachigen Zeitungsartikel greifen dabei Teile der US-amerikanischen fachpolitischen Debatte auf, die wiederum nicht zuletzt durch eine rassistische Attacke gegen den Altertumswissenschaftler Dan-el Padilla Peralta während einer Konferenz ein breiteres Medieninteresse auf sich gezogen hat 1 und so schließlich im deutschsprachigen Raum rezipiert wurde. 2 Die Diskurslinien dieser Debatte oszillieren zwischen der Hoffnung auf hochschulpolitische und disziplinäre Innovation sowie vermehrte Beteiligung minoritäter Wissenschaftler:innen einerseits und andererseits der befürchteten Gefährdung von Qualitätsstandards oder gar der (Selbst-)Abschaffung der Fächer.Der Diskurs im Feuilleton, der überwiegend aus ablehnenden Positionierungen besteht, 3 weist eine etwas andere Akzentuierung auf und basiert im Wesentlichen auf der Behauptung, dass die Situation im deutschsprachigen Raum eine andere und etwa Rassismus in den Altertumswissenschaften kein gravierendes Problem wie in den USA sei. 4 So besteht die Tendenz, zu suggerieren, die Dekolonialisierung (in Deutschland) beschränke sich 1 Poser 2021 für die New York Times. 2 Neben Beiträgen in der Neuen Zürcher Zeitung, jüngst Möller 2023, sind vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den vergangenen Jahren diverse Kommentare erschienen.Außer der Person Dan-el Padilla Peraltas, die immer wieder im Fokus steht, scheint als besonders empörender Auslöser der Debatte zu fungieren, dass ebenfalls an den britischen Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge Forderungen nach Maßnahmen für equality und diversity laut geworden sind (Rebenich 2020; Grethlein 2021a; Walter 2021). 3 Siehe aber Wendt 2021 als Replik auf Rebenich 2020. 4 Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in den USA und in Deutschland mögen verschieden sein, doch Rassismus, Vereinnahmungen der Antike durch rechte Gruppen und die Tatsache, dass die Altertumswissenschaften ein in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich ‹weißes Fach› sind, sind in Deutschland ebenso präsent, nur weniger thematisiert.Dazu Wesselmann 2021 und allgemein für den universitären Bereich vgl.
Source: Antike und Abendland
Authors: Quintus Immisch, Saskia Schomber
Institutions: University of Tübingen, Justus-Liebig-Universität Gießen
Language: German
Subfield: Anthropology
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
SDG: Reduced inequalities
Open Access status: hybrid
Estimated APC paid: $2,163
OpenAlex ID: W4386163461
