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Der Mond in der deutschen Dichtung von der Aufklärung bis zur Spätromantik

Year: 1969
Type: book
Abstract: In der deutschen Literatur spielt das Mondmotiv eine auffallend große Rolle.Besonders die Epochen der Empfindsamkeit und Romantik haben es ausgiebig verwendet, wobei Darstellungsart und symbolische Bedeutung manchem Wechsel unterworfen sind.Diesen Wandlungen des Motivs gehen die folgenden Ausführungen nach.Die Untersuchung der M ondmotivik ist nicht nur an sich reizvoll, sondern gewinnt dadurch ein besonderes Interesse, daß sie bei den genannten Epochen ins Zentrum der geistigen Entwicklung führt.Denn jene Zeit wandte sich dem Mondmotiv deshalb mit besonderer Vorliebe zu, weil sich in ihm ihre eigensten Anliegen aussprachen.Die Be züge zur allgemeinen Geistes-und Kulturgeschichte werden im folgenden allerdings nicht ausgeführt, weil sonst entweder der Umfang der Arbeit sich ins Mehrfache steigern würde oder, bei Beschränkung auf einige wenige Hinweise, ein einseitiges Bild entstände.Auch die tiefenpsychologische Be deutsamkeit, die beim Mondmotiv besonders groß ist, ist nur mitgedacht und wird nicht ausgeführt.Die Begrenzung der Arbeit hat sich durch das Thema selbst ergeben.Sie beginnt mit Barthold Heinrich Brockes; er gestaltet das Mondmotiv in ent scheidend neuer Weise; bei ihm ist der A uftakt zur Mondbegeisterung im 18. Jahrhundert gegeben.Die Untersuchung führt von ihm in strenger Be schränkung auf die H auptetappen der Entwicklung bis zu Eichendorff, bei dem die romantische Mondmotivik eine letzte wesentliche Ausgestaltung erfährt.Im neunbändigen (1721 bis 1748 erschienenen) "Irdischen Vergnügen in G ott" von Brockes gibt es eine ganze Reihe von Gedichten, in denen der Mond und sein Lidit ausführlich beschrieben sind.Es war des Monden holder Schein Recht außerordentlich entnebelt, hell und rein, Er war nidit blaß; ein rötlich-gelber Strahl Bedeckt' und schmückte W ald und Feld, Befloß und zierte Berg und Tal.H ier sähe man, nidit sonder Freuden, Des Monden güldnes Rund durch glatter luckrer Weiden Gespitztes Laub gebrochen strahlen U nd ihre Blätter sich, auf seinem hellen Schein, Als w ie auf güldnem Grunde, malen.D ort sieht man, w ie der Glanz durch dunkle Büsche bricht, U nd in der Dunkelheit nun desto heller blitzet, Wobei sein Strahl, w ie zugespitzet, Durch dichter Blätter Öffnung sticht.D ie sanfte Harmonie von Schatten und von Lidit Vergnügte midi Recht inniglidi.1 Solche ausführliche Schilderung des Mondscheins gab es vor Brockes nicht.Die frühe Aufklärung, in der Brockes lebte, w ar dem Mond erst recht nicht zugeneigt.Die Dichter schilderten, wenn sie sich der N atur überhaupt zu wandten, Szenen bei hellem Tageslicht.Das N aturbild der Aufklärung war im wörtlichen Sinne aufgeklärt.Wenn Brockes den Mond beschreibt, so gibt er allerdings kein düsteres Nachtbild.Der Mond ist nicht bleich und blaß, wie oft im Barock, sondern hell und sendet glänzendes, blitzendes Licht auf die Erde.Brockes wird nicht müde, den Reichtum der Lichteffekte zu schildern.Mannigfach wird der 1 In "Menschliche Schwachheit", Brockes, Ird.Vergnügen Teil V, S. 185 f.Mondsdiein gebrochen und vervielfältigt durdi das Geäst von Bäumen und Büschen, im Wasser spiegelt er sich wieder, Tautropfen blitzen plötzlich auf, die Fenster der Häuser werfen das Licht zurück und im W inter schimmert der Schnee im hellen Glanz.Wenn Fleming in einem Sonett (1635/36 entstanden) vom Mond spricht, so ist noch in keiner Weise von solchen Lichterscheinungen die Rede: A n den Mon D u, die du standhaft bist in deinem Unbestande, Steig, Hekate, herab; idi singe dir ein Lied, Ein Lied von meiner Zier, die itzt auch nach dir sieht, Ob idi schon bin sehr w eit von ihr und ihrem Lande.Komm, Berezynthie, zu dieses Stromes Rande, An dem idi geh' herum, da meine Hoffnung blüht, D u w eißt es, Delie, was itzt mit ihr geschieht, D u w eißt es, w ie es steht um meine Salibande.Komm, Phöbe, Tag der Nacht, Diane, Borgelicht, Wahrsägrin, Liederfreund; komm, Lune, säume nicht, D ie ganze Welt, die schläft.Idi wache dich zu loben.Stromfürstin, Jägerfrau, N aditauge, Horngesicht', Herab! itzt fang' ich an das süße Lobgedicht'.U nd kömmst du nicht herab, so hör es nur dort oben!* Fleming sieht den Mond am Himmel oben, in erhabener Ferne, und ruft ihn mit gedachten, aus altem Bildungsgut geschöpften Metaphern an.Brockes betrachtet das Mondlicht in der Landschaft und gewinnt damit eine neue Fülle von Anschauung.M it Entdeckerfreude beschreibt er bis ins Detail die Wirkungen des Mondlichts, und er achtet dabei selbst auf so subtile Er scheinungen wie das Spiel der Blätterschatten, das im Mondlicht auf einem weißen Birkenstamm entsteht.'Dieses neue Interesse für das Mondlicht in der Landschaft bildet den An fang einer entscheidenden Entwicklung.Immer stärker wird in der folgen den Zeit die besondere Wirkung des Mondlichts dichterisch ausgeschöpft, bis zur Romantik, wo sich in der "mondbeglänzten Zaubernacht"4 die Erde * Fleming Bd.I, S. 515. 3 In "Betrachtung des Mondscheins in einer angenehmen Frühlings-N atht", Brockes, Ird.Vergnügen Teil I, S. 48. 4 Tieck, Schriften, Berlin 1828-1854 Bd.I, S. 33 et passim.magisch verwandelt.Auch Brockes spricht schon einmal von solcher Ver wandlung der Landschaft im Mondlicht: Durdi dieses holde Lidit, w om it sidi klare Sdiatten So angenehm vermenget hatten, Zusamt der Stille Süßigkeit, Schien mir in unsrer Welt Ein' andre W elt fast vorgestellt.5 Das ist allerdings ein Äußerstes bei Brockes, er tut den Gedanken gleich darauf als "Scherz" ab.Sein rationaler Geist läßt solche Vorstellungen nicht zu. .Die Mondnacht ist bei Brockes noch kaum von Stimmung erfüllt.Brockes sagt zwar, der Glanz des Mondes ergötze "nebst dem Gesicht, auch das Gefühl"6 und es quelle aus dem Mond "auf eine wunderbare Weise mehr Anmut noch, als Licht und Schimmer".7 Da ist von einer Wirkung des Mondes auf das Gemüt die Rede, aber um Stimmungslandschaft handelt es sich nicht.Die N atu r ist noch nicht gefühlter Ausdruck des eigenen Innern.Der Abstand zum Geschauten bleibt gewahrt, im Gegensatz zu späteren Dichtern, die gerade die Aufhebung der Entgegensetzung von Ich und Welt in der Mondnacht erfahren.Es ist typisch für Brockes, wenn er ausführlich beschreibt, wie durch das sanfte Mondlicht ein "reizendes Vergnügen"8 durchs Gesicht in die Brust und von da allmählich durch die Sehnen in den ganzen Körper dringe.Es besteht noch keine unmittelbare Übereinstimmung des Innern mit dem Äußern.Die angenehme Wirkung des Mondlichts beruht für Brockes auf der Ver mischung von Licht und Schatten, auf dem Verschwimmen der Konturen.Doch wie es bei Brockes kein Verschwinden der Grenze zwischen Betrachter und Landschaft gibt, so wird auch die geschaute Mondlandschaft nie ganz konturlos.Immer wieder sieht Brockes einzelne Schatten, einzelne Licht funken und Reflexe, so daß die Einheit sich zerteilt in Vielheit, die mit dem Abstand des Betrachtenden geschildert wird.Nie wird Brockes von Empfindungen fortgetragen, und was er empfindet, 5 In "Der M ond", Brodses, Ird.Vergnügen Teil II, S. 159.* In "Nachtvergnügen", ib.Teil IX , S. 324.7 In "Betrachtung des Mondscheins in einer angenehmen Frühlings-Nacht", ib.Teil I, S. 45. 8 In "Der M ond", ib.Teil II, S. 160. . . .Denn wenn man's nur erwägt; so ließ Des Schöpfers H uld uns auf der Erde annoch ein würklichs Paradies.11Die Betrachtung der schönen irdischen N atu r ist aber auch bei Brockes keineswegs sich selbst genug.Sie verbindet sich immer mit dem Lob Gottes, der der Schöpfer dieser Schönheit ist.Alles Irdische ist ihm Zeichen für diese Güte Gottes.Er hat damit Teil am physikotheologischen Denken, das in Hamburg, der Heim atstadt von Brockes, damals besonders verbreitet war.Die Helligkeit und Annehmlichkeit des Mondscheins ist bei Brockes mit begründet durch das religiöse Denken: denn der Mondschein soll, wie die ganze Schöpfung, zum Preis Gottes dasein.Es muß also ein schöner, angeneh mer Mondschein sein.Die Betonung des Lichts, die für Brockes so bezeich nend ist, bekommt einen tieferen Sinn dadurch, daß das Licht Abglanz der göttlichen Herrlichkeit ist.In denkerischer, oft lehrhafter Weise expliziert das Brockes in seinen Gedichten.Für das Bedenken, ja Beweisen von Gottes • In "Die anmutige W asser-Fahrt in einer schönen Sommer-Nacht", ib.Teil V II, S. 215. 10 Young Bd.I, S. 210-213.11 In "Complaints oder N ight-Thoughts, Übersetzung und B eantw ortung", Brockes, Ird.Vergnügen Teil V II, S. 729 ff.Schöpferhuld eignet sich für ihn der Mondschein sogar besonders gut.Immer wieder führt er aus, daß der Mond sein Lidit von der Sonne empfangen habe und darum der Preis für das angenehme Licht in der Nacht ihr zu gelten habe.Aber auch die Sonne besitze in entsprechender Weise ihr Licht nur von G ott; er sei also vom vernünftigen Menschen zu loben: Ach laßt uns an die Sonne denken, wenn wir den sanften Mondschein sehn, D ie ihn bestrahlt, und in der Sonne, der Sonnen Sonne, Gott, erhöhn!1*In einem seiner Gedichte vergrößert Brockes diese Analogiereihe sogar noch um ein Glied, indem er den M ond im Wasser sidi spiegeln läßt und so vom Spiegelbild auf den wirklichen Mond und von diesem zur Sonne und zuletzt auf G ott kommt.18Brockes will sich in der Naturbetrachtung nie nur dem Gefühl überlassen, entsprechend dem Motto unter dem Titelkupfer im letzten Band des "Irdischen Vergnügens in G ott" : Vom Schönen der N atur wird jeder Sinn entzückt, Doch noch mehr der Verstand, der G ott darin erblückt.Brockes' Mondschilderungen sind nicht zuletzt deshalb so ausführlich und reich, weil der Mensch nicht in einer bloßen Stimmung ruhen, sondern sich immer neu über Gottes Güte verwundern soll.Wie die verstandesmäßige Symbolik des Mondes, die mit Analogien arbeitet, im Barock wurzelt, zeigt die Schrift "Christliche Betrachtungen des glänzenden Himmels" von Johann Michael Dilherr (1657).D arin wird der Mond der Kirche verglichen, die ihren Glanz von Christus, "der Sonnen der Gerechtigkeit", habe.14Auch die Mondphasen deutet Dilherr in ähnlichen Analogien.Die Bezüge sind bei ihm noch viel gedachter als bei Brockes, die Freude an der bloßen Betrachtung
Language: German
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