Year: 2013
Type: article
Abstract: Von Kim Christian Priemel (Berlin)I. Was ist Spekulation, wer ist Spekulant?"[I]t is the speculator in shares that we want to get at", führte Margaret Thachter als junge Tory-Abgeordnete für den Wahlkreis Finchley im April 1961 in einer ihrer ersten Reden im britischen Unterhaus aus: "the person who is making a business of buying and selling shares, not to hold them for their income producing properties, but to live on the profit which he makes from the transactions.That is the person most of us would like to get at". 1 Gegenstand der Debatte, in der Thatcher seinerzeit sprach, war der inflationäre Druck, den vermeintlich spekulative Geschäfte auf das britische Pfund ausübten.Ähnliche Sorgen sollten Thatcher drei Jahrzehnte später am Ende ihrer langen Amtszeit als britische Premierministerin beschäftigen.Im März 1991 lehnte sie es trotz beharrlicher Nachfragen der Opposition ab, in der parlamentarischen Fragestunde eine Senkung der Leitzinsen anzukündigen.Dies, so Thatcher, würde lediglich die Inflation fördern.Dem Labour-Vorsitzenden Neil Kinnock beschied sie, mit seinen "unverantwortlichen" Forderungen nur die Sache der "Spekulanten" zu betreiben.Kinnock indes mochte dies nicht auf sich sitzen lassen und konstatierte -vier Jahre nachdem der britische Finanzmarkt umfassend dereguliert worden war 2 -"No Prime Minister has been more of a speculators' friend than the right hon.[ourable] Lady.At the same time as she is the friend of the speculator, she is the enemy of business and of the home buyer." 3 Dass die Marktliberale Thatcher und der Linke Kinnock unterschiedliche Auffassungen davon hatten, welche Zinspolitik welcher Klientel nutzte, kann kaum überraschen -umso mehr hingegen die Einträchtigkeit, mit der beide Politiker den "Spekulanten" als Feindbild markierten.Dabei mochte eine Rolle spielen, dass die Tory-Premierministerin und der Labour-Oppositionsführer nicht dieselben Akteure vor Augen hatten, wenn sie von Spekulanten sprachen: Thatcher meinte eher jene, die den Kurs des im Vorjahr zurückgetretenen Chancellor of the Exchequer, Nigel Lawson, unterstützten, in Vorbereitung auf einen britischen Beitritt zum europäischen Wechselkursabkommen das Pfund an der D-Mark zu orientieren; Kinnock hingegen bezog sich auf die Londoner City, die vom inflationsbeschleunigenden Boom nach 1986 profitiert hatte.4 Zugleich deutete sich an, dass Thatchers Position als Premierministerin nicht mehr mit der Haltung der jungen Abgeordneten übereinstimmte: Entweder die "Spekulanten" der 1960er Jahre waren nicht mit jenen der 1990er identisch, oder Thatcher bediente sich des Begriffs jeweils als eines rhetorischen Platzhalters, den sie beliebig einsetzen konnte, um seinen pejorativen Geschmack zur Legitimation der eigenen Politik zu nutzen.
Author: Kim Christian Priemel
Institution: Humboldt-Universität zu Berlin
Language: German
Subfield: Economics and Econometrics
Domain: Social Sciences
Open Access status: bronze
OpenAlex ID: W636399698
