Das Schleswig-Holstein Querungshilfen-Monitoring
Year: 2026
Type: book-chapter
Abstract: Von 2019 bis 2024 wurde die Nutzung der sechs großen, vor dem Jahr 2018 fertiggestellten Querungshilfen Schleswig-Holsteins (fünf Grünbrücken, eine Unterführung) und deren Eignung im Sinne eines Standardwirkungsmonitorings (Hänel & Reck 2013) und entsprechend des Leitfadens der BASt (2014) untersucht. Die gewählte Methode ist für die Bewertung der Funktionsfähigkeit ausreichend und kann noch weiter vereinfacht werden; dazu sind Vorschläge entwickelt. Außerdem eignen sich einzelne Bauwerke im Rahmen eines erkenntnisorientierten Monitorings zur Klärung der Fragen, inwieweit Freiflächenphotovoltaikanlagen im Umfeld von Querungshilfen Wildmobilität beeinflussen, ob eine für heliophile Arten kritisch kleine Unterführung durch eine optimale Pflege des Zugangsbereichs funktionstüchtig gemacht werden kann und wie stark die Querungshilfennutzung durch Insekten durch die Integration von Autobahnbegleitgrün als Lebensraumkorridor verbessert bzw. ob der Biotopverbund dadurch über eine Länge von mehr als 500 m erheblich unterstützt werden kann. Die Monitoringergebnisse an den sechs Querungshilfen bestätigen, dass nur die Zusammenschau repräsentativ ausgewählter Artengruppen (Repräsentanz verschiedener Gilden) in Verbindung mit einer Biotoptypenkartierung ausreichend zeigen kann, ob Zerschneidungswirkungen genügend gemindert werden. Derzeit funktionieren die untersuchten Grünbrücken mit Ausnahme der Brücke bei Brokenlande für die gesamte, örtlich von Zerschneidung betroffene Biologische Vielfalt oder sie sind gut geeignet. Die Einschränkungen bei der Grünbrücke Brokenlande betreffen die Umfeldgestaltung und die Hinterlandanbindung. Außerdem behindert an der Grünbrücke Kiebitzholm eine schmale, verbliebene Gehölzbarriere den dort besonders wichtigen überörtlichen Verbund der Heideökosysteme des Hinterlands. Die Unterführung bei Stolpe wird, v. a. dimensionsbedingt, von helio- und xerophilen Kleintieren aktuell nicht ausreichend genutzt und es ist nicht sicher prognostizierbar, ob durch eine weitere Optimierung der Lebensräume im Zugangsbereich eine genügende Verbesserung möglich ist. Die weitere Sicherung der Funktionsfähigkeit der Bauwerke obliegt den zuständigen Straßenbetreibern, die lokal auch vom Landesforst und z. T. von Ehrenamtlichen unterstützt werden – aber weder die Lebensraumdynamik ist ausreichend prognostizierbar noch ist die dauerhafte Funktionsfähigkeit des o. g. Zuständigkeitsnetzwerks gesichert. Die Funktion der Bauwerke und möglichst auch des Umfelds für die nachhaltig wirksame Vernetzung der Lebensräume muss also periodisch überwacht werden, damit ungünstigen Entwicklungen ggf. entgegengewirkt werden kann. Verbliebene aktuelle und auch für andere Querungshilfen typische Defizite im engeren Umfeld der Bauwerke sind nachfolgend aufgelistet: • Bei der Herstellung v. a. der Zugangsbereiche wurde zu oft nährstoffreiches Substrat verwendet und z. T. wurden Obergräser eingesät. Beides erschwert eine nachhaltige Verbundfunktion für z. B. gefährdete Heide- und Magerrasenarten und zukünftig ist deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit eine stärkere, gezielte Pflege für die Offenlandbereiche unumgänglich. • Z. T. wurden unbeabsichtigt invasive Pflanzenarten eingebracht und in einem Fall absichtlich Robinien. Bei einer Ausbreitung dieser Arten kann die Lebensraumfunktion und damit wiederum die Verbundfunktion für Tierarten gefährdet sein – die Entwicklung muss also beobachtet werden und die Robinien müssen weiterhin bekämpft werden. • Z. T. werden Trittsteinbiotope im Umfeld, die essenziell für die Verbundfunktion sind, nicht erhalten und bei Kiebitzholm muss die Hinterlandanbindung noch (auf kleiner Fläche) verbessert werden. • Bei Brokenlande ist der Rastplatz zu nahe bzw. (noch) nicht ausreichend abgeschirmt und entsprechend beeinträchtigen Störungen und Abfälle die Funktion. Die Abfälle ernähren so viele Ratten, dass sie andere Arten von der Querungshilfennutzung abhalten können. Außerdem gibt es dort im westlichen Hinterland zu viele unüberwindbare Zäune. Aktuelle Defizite in Bezug auf das weitere Umfeld und das Hinterland: • Die übergeordneten jagdlichen Regelungen verhindern z. T. die Nutzung durch Hirsche – aber Hirschmobilität (Großsäugermobilität) wird dringend gebraucht, unter anderem, weil die Großtiere Pflanzensamen und Kleintiere transportieren (nach dem Wegfall der Transhumanz sind wildlebende Großherbivore essenzielle Vektoren). Außerdem erleiden Rothirsche in Schleswig-Holstein jagdpolitisch bedingte Inzuchtdepression. • An einer Stelle kommen gezäunte PV-Anlagen kritisch nahe an die Querungshilfe und könnten Tieren den Weg versperren und z. T. sind weitere PV-Anlagen im Umfeld der bislang frei zugänglichen Querungshilfen geplant. • Die ökologische Anbindung, d. h. die weiträumige Anbindung besonders schutzbedürftiger Lebensräume und Populationen an die Querungshilfen, funktioniert nicht ausreichend gut; hier muss besonders in den Biotopverbund investiert werden (d. h. Flächenkauf und Flächenaufwertung mit einer Zweckbindung für ökologische Vernetzung), weil an einer Querungshilfe, anders als sonst im Biotopverbund, die gewollte Verbundfunktion auf wenige Meter konzentriert ist. Um Gestaltungs- und Managementdefiziten von vornherein entgegenzuwirken, werden Indikatoren für die Planung und zielführende Untersuchungen zur Verbesserung von Wirkungsprognosen (prognostisches Monitoring) vorgeschlagen.
Authors: Heinrich Reck, Björn Schulz
Institution: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Language: German
Subfield: Ecology
Field: Environmental Science
Domain: Physical Sciences
Open Access status: hybrid
OpenAlex ID: W7212296755
