Übergangsidentitäten und Täterbiographien: Verwaltungseliten am Ende der Nazi-Diktatur
Year: 2008
Type: book-chapter
Abstract: Soziales Überleben im » Zusammenbruch« Zu den nach wie vor erklärungsbedürftigen Phänomenen nationalsozialistischer Herrschaft gehört die bis zuletzt nicht nachlassende Kohärenz des Elitenbündnisses, das die Grundlage der Diktatur bildete.Die militärischen, wirtschaftlichen und administrativen Eliten haben die Diktatur Hitlers bis zuletzt gestützt, obwohl ihnen seit der Kriegswende von 1942/1943 die Möglichkeit und ab dem Sommer 1944 die Gewissheit der deutschen Niederlage und damit der Untergang des Regimes klar vor Augen standen.Dass diese Loyalität auch nach dem 20.Juli 1944 nicht bedingungslos war, wissen wir.Gegen Ende des Krieges kam es selbst unter den Hitlers höchsten Paladinen zu Absetzbewegungen.Erst recht waren die Angehörigen der Funktionselite in Wirtschaft und Verwaltung damit beschäftigt, ›über den Tag hinaus‹ zu denken und dabei das Dilemma zu bewältigen, einerseits dem Regime loyal verbunden zu bleiben, andererseits nicht mit diesem in den Abgrund gerissen zu werden.In dieser Situation waren Übergangsidentitäten gefordert.Die Legitimation des Handelns unter der Diktatur und die darauf fußenden Selbstbeschreibungen mussten einerseits den Normalitäten und Unterwerfungsgesten der Diktatur entsprechen, andererseits mussten sie die ohnehin nicht rückgängig zu machende Kompromittierung durch die dem Regime gewährte Unterstützung wenigstens mildern, um die Chance zur Fortsetzung der bürgerlichen Existenz in einer wie auch immer gearteten Nachkriegsgesellschaft unter der Herrschaft der Sieger zu wahren.Das galt vor allem dann, wenn die Mitwirkung an den Staatsverbrechen des Nationalsozialismus unbezweifelbar war.
Source: Sozialtheorie
Author: Wolfgang Seibel
Language: German
Field: Social Sciences
Domain: Social Sciences
Open Access status: hybrid
OpenAlex ID: W763298013
